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The Lion’s Gaze - den Blick des Löwen

„Wirfst du einen Stock nach einem Hund, jagt der Hund dem Stock hinterher.

Wirfst du aber einen Stock nach einem Löwen, jagt der Löwe dich!“

Der Stock symbolisiert eine unangenehme, negative Emotion, die in uns ausgelöst wird. Wenn etwas unsere Knöpfe drückt, aktiviert es einen unbewussten, zwanghaften Reflex. Dem Stock wie ein Hund hinterherzujagen, sich der negativen Emotion hinzugeben und sie auszuleben, bedeutet, dass wir unsere Aufmerksamkeit nach außen richten. Wir betrachten das, was uns in der Außenwelt triggert, als „Problem“, anstatt nach innen zu schauen und die Quelle zu erforschen. Wir denken: „Wenn das, was uns in der Außenwelt triggert, nur aufhören würde“, dann würden wir uns besser fühlen. Dann wäre das Problem gelöst. Doch der Blick des Löwen richtet sich nach innen, wenn wir getriggert werden, und nutzt den Moment als Gelegenheit zur Selbstreflexion. Wir betrachten, was auch immer in uns aktiviert wurde. Ein Löwe scheut sich nicht, zur Quelle des Triggers zu gehen, die niemals im Außen, sondern immer in uns selbst liegt. Mit dem furchtlosen Blick des Löwen betrachten wir die triggernde Situation als Geschenk, da sie uns geholfen hat, einen Teil von uns zu entdecken, der bisher unbewusst und somit verborgen war.

Doch wie begegnen wir dem Archetypus des Bösen/dem Teufel/dem Schwarzmagier?Wie verfahren wir mit jenen Kräften unserer Psyche, die Teil unseres Seins sind… schrecken wir voller Furcht zurück, fangen an zu schreien, führen die Spaltung durch, verlieren unsere Macht über sie aber fühlen uns ihnen immer wieder ausgesetzt. Oder verschließen wir uns davor, ignorieren sie, blenden sie aus, nehmen sie nicht mehr wahr und werden hier blind?

Eine der größtem Herausforderungen unserer Zeit ist der Tanz mit dem Bösen.

Die Anerkennung des Daseins dämonischer Kräfte, die vor allem in Täuschung, Manipulation und der geglaubten Lüge, die wahren Absichten verschleiert, spielen. Und die Transformation jener spaltenden Angst, jener Traumata, die Psyche fragmentieren und uns zum Spielball der Projektionen werden lässt.

Aber geht es darum, alles zu integrieren, alles zu metabolisieren, alles zu transformieren? Es geht darum, sich in organischer Seelen-Körper-Intelligenz zu bewegen, die weit mehr umfasst als platte Konstrukte.

Unterscheidungsvermögen - der Kompass des Herzens

Was da angesprochen wird , ist der schmale Grat, an dem sich Trauma-Erkennen und metaphysische Subtilität treffen. Viele spirituelle Wege propagieren eine Art „totale Akzeptanz“ oder „universelle Liebe“, die, wörtlich genommen oder ohne fundiertes Unterscheidungsvermögen, zur Falle wird – zu einem idealisierten Selbstbild, das nicht zwischen Verarbeitbarem und Unverarbeitbarem unterscheidet.

Alles ohne Unterscheidungsvermögen anzunehmen, ist für die meisten nicht zielführend; es bedeutet die Aushöhlung der Grenzen, die die Integrität der Seele schützen. Wir müssen die Verflachung der Erfahrung hinterfragen, die mit eindimensionalem Denken einhergeht, bei dem alle Energien als gleichermaßen integrierbar betrachtet werden und Widerstand selbst fälschlicherweise als evolutionäres Versagen gedeutet wird. Manchmal ist Widerstand die Intelligenz der Psyche, die sagt: Das ist Gift. Glaube es nicht, schluck es nicht.

Das Paradoxon ist wirkungsvoll: Wie kann man offen und mitfühlend bleiben, ohne naiv zu sein oder energetisch verletzt zu werden? Mehr zu lieben bedeutet nicht, alles in sein Energiefeld zu lassen. Wahre Liebe, die zugleich strahlend und leidenschaftlich ist, birgt ein alchemistisches Feuer und Schwert in sich. Sie erkennt, was dazugehört und was nicht, was verdaulich ist und was transformiert, losgelassen, zurückgegeben werden muss.

Das feine „Wahrnehmungsorgan“, das dazu fähig ist, könnte das Auge des Herzens genannt werden. Es sieht nicht urteilend, sondern wahrhaftig.

Dies zu benennen bedeutet nicht, in Dualismus oder Moralismus zu verfallen – es bedeutet, die Voraussetzungen für authentische Transformation zu schaffen. Eine wahrhaft umfassende Haltung schließt die Fähigkeit ein, das Unverdauliche nicht aus Angst, sondern aus Weisheit abzulehnen.